DER SPIEGEL
Nr.24/7.6.2025
Das F-Wort
HIP-HOP
Lange galt die »Fotze« als ultimative Beleidigung
von Frauen. Mittlerweile wollen nicht mehr nur
Rapperinnen wie Shirin David und Ikkimel den Begriff umdeuten.
Sophie cruist mit ihrem Jeep durch Ham-
burg. Die blonde junge Frau setzt ihre
Sonnenbrille auf, winkt aus dem Fens-
ter. Ihre Laune: bestens. Aus den Lautspre-
chern dröhnt ein KI-Song, die Influencerin
singt mit: »Freitag, Freitag, Fotzen Freitag«.
Als der Clip Mitte Mai auf Instagram erschien,
ging er gleich viral: Schon zwei Wochen nach
Veröffentlichung wurde das Video mehr als
3,2 Millionen Mal angesehen. Knapp 1000
Kommentare finden sich darunter. Die meis-
ten »feiern« die Aktion, wollen Beifahrerin
sein oder mit Sophie befreundet sein. Einer
schreibt, sie habe »Eier digga«. Andere finden
die Performance allerdings »dumm«.
Ein paar Tage später veröffentlicht So-
phie – die in Hamburg lebt und als Content-
Creatorin meist über Mode, Dating und
Selbstliebe postet – ein zweites Video. Darin
spricht sie über die Reaktionen auf ihren Clip.
Vor allem Männer hätten sich darüber auf-
geregt. Das sei interessant, denn darum gehe
es ihr: den Frauenhass hinter dem Begriff Fot-
ze aufzudecken. Sophie will die Beleidigung
ironisch brechen. Und damit ist sie nicht allein.
Die Fotze, das F-Wort, ist präsent wie nie.
Galt es lange als ultimative Beleidigung von
Frauen, versuchen Musikerinnen, Künstlerin-
nen und Influencerinnen wie Sophie es nun
umzucodieren. Die Idee: den Begriff zurück-
zuerobern, ihn positiv zu besetzen, um ihm
die Macht zu nehmen. Worte sind Waffen.
Aber das Opfer entscheidet, ob sie wirklich
wehtun. So jedenfalls die Theorie. Bloß:
Klappt das? Lässt sich Frauenfeindlichkeit
einfach umdrehen?
»FOTZE« heißt das aktuelle Album der
Berliner Rapperin Ikkimel, in Versalien ge-
schrieben, dann ist der Aufschrei größer. Ik-
kimel – Alter unbekannt, post gern im knap-
pen Bikini – will eine der kontroversesten
Rapperinnen sein. Und das schafft sie auch.
Sie besingt ihren Körper, Emanzipation, Be-
gehren und Sex. Sich selbst nennt sie gern
»die allergrößte Fotze der Stadt«. Wer das für
Show oder für eine kalkulierte Provokation
hält, irrt. Klar, Ikkimel will polarisieren. Aber
es gehe nicht nur um Spaß, sagte sie neulich
in einem Interview für die ZDF-Sendung »As-
pekte«, »jetzt ist der Kampf angesagt … gegen
alles, was Frauen unterdrücken möchte«. Be-
vor Männer sie beleidigen, greift sie sich die
»Fotze«, trägt sie stolz vor sich her.
Das Wort taucht erstmals im 15. Jahrhun-
dert auf, es kommt vom mittelhochdeutschen
Vut, was Vulva bedeutete. Schnell wurde das
Wort mit der heute geläufigen, misogynen
Bedeutung aufgeladen. Die »Fotze« wurde
zum Synonym ihrer Schwestern »Schlampe«
und »Nutte«, aber noch eine Ecke schäbiger.
Alle zielen darauf ab, Frauen aufgrund ihres
Geschlechts und ihres Begehrens abzuwerten.
Wird man als Fotze beschimpft, soll man sich
schäbig, dreckig, klein fühlen. Wenn etwa der
Hip-Hopper Sido rappt, er wolle sich »von
Fotze zu Fotze durchs Land« ficken, dann will
er nicht einfach nur Sex. Hier wird die Vulva
zum Ausdruck der Diskriminierung.
Anläufe, das Wort umzudrehen, gibt es
schon seit ein paar Jahren. Musikerinnen ver-
suchten sogar, es zu einem Kompliment um-
zuformen, etwa Nura und Juju vom Rapduo
SXTN mit ihrem Song »Fotzen im Club«
(2016). Mit Fotzen meinten sie Freundinnen,
die feiern, rauchen und saufen, (gut ge-
schminkt) pöbelnde Jungs verprügeln. Sie
sind laut und frech – und genau richtig. Doch
die Welt schien damals noch nicht bereit für
das feministische Reclaiming des Begriffs.
SXTN wurden bejubelt, aber noch mehr dafür
kritisiert. Das ist in der Gegenwart anders.
Kritik gibt es noch immer, das zeigen die
Reaktionen auf das Video der Influencerin.
Aber sie ist seltener. Und kommt seltener von
Frauen. Vielleicht weil Frauenrechte weltweit
bedroht werden. Weil die Gewalt an Frauen
zunimmt. Weil Frauen wieder mehr in tra-
dierte Rollenbilder gedrängt werden. Sich ein
Wort zurückzuerobern, mag nur eine kleine
Geste sein – aber die Wirkung ist enorm.
Das sieht man auch an der Unternehmerin
und Sängerin Shirin David. Sie rappt von
»Hoes« (Huren) und »Bad Bitches« (bösen
Schlampen), die sie mit »sowas wie ne Exis-
tenz, die selbstbestimmt ist« umschrieb. Auch
David dreht die Rollenbilder um. Frauen for-
dert sie zum Exzess auf, Männer sollen lä-
cheln. In ihrem Song »It Girl« bedient auch
sie sich des Wortes »Fotze«. David singt, sie
sei »fotzfrech, unverschämt«. Die Beleidigung
wird zur erstrebenswerten Attitüde. David
übernimmt die Kontrolle über das Narrativ –
und stiehlt der vorherigen Konnotation (und
damit den Männern) die Deutungshoheit.
Wird sich das auch abseits von Bühne und
Klub durchsetzen?
Die Linguistin Tatjana Scheffler forscht an
der Ruhr-Universität Bochum zur Sprache in
sozialen Medien. Begriffe, die längere Zeit als
Beleidigung verwendet würden, könnte sich
die abgewertete Gruppe aneignen, dadurch
bekämen sie eine neue Interpretation, sagt
sie. Das sei auch beim Begriff »queer« der
Fall. Während er früher zumeist als »seltsam«
gebraucht wurde, hat die LGBTQ+-Commu-
nity ihn mittlerweile umgeschrieben – und als
stolze Selbstbezeichnung etabliert. Dazu
brauche es allerdings ein Zusammengehörig-
keitsgefühl, so Scheffler. Eine Beleidigung
ziele auf den Selbstwert des Gegenübers. Da-
gegen müsse man sich gemeinsam auflehnen.
Folgt man ihrer Theorie, müssten nicht nur
Ikkimel und Co. die Fotze neu interpretieren
als Spaß, Selbstermächtigung, Begehren. Vie-
le Frauen müssten selbstbewusst mitmachen.
Werden sie dazu bereit sein? Das kann
Scheffler nicht prognostizieren. Dafür sei der
Begriff vielleicht zu hart; wer sich als Frau
dem Reclaiming nicht anschließe, höre weiter-
hin die Beschimpfung.
Vielleicht ändert das der »Fotzen Freitag«,
der Song, den die Influencerin Sophie im Auto
singt. Im Text heißt es, der Freitag gehöre den
Girls. Männer? Die sollen verschwinden; dan-
ke, heute kein Interesse an euch. »Lass die
Männer glotzen, ich bin draußen mit den Fot-
zen«. Die Melodie des Musikprojekts Suv
Whatever, das provokante und zweideutige
KI-Songs produziert und sonst ein großes
Rätsel ist, erinnert an deutsche Schlager. Weg
vom Rap, hin zum schunkeligen Vierviertel-
takt. Der spricht auch Hörerinnen an, die mit
Rap wenig anfangen können. Vielleicht er-
reicht die Fotze so den Mainstream.
Annina Metz